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Archive for September 2008

Drastische Bilder werden noch in diesem Jahr Zigarettenpackungen in Großbritannien schmücken. Im Film „Thank You for Smoking“ wurde es schon gezeigt: Die Wut der Tabakkonzerne gegen abschreckende Bilder auf den Zigarettenpackungen. Textbotschaften kann man ignorieren, bei Bildern wird es schon schwieriger. Auf Bilder setzte auch die Tabakindustrie in ihrer Werbung, solange sie in der EU noch fast uneingeschränkt erlaubt war, warum nicht auch die emotionale Kraft der Bilder für die Gesundheit nutzen?

Demnächst will man noch weiter gehen: Auf einer weißen Zigarettenpackung soll dann nur noch der Markenname, ein Warnhinweis und ein abschreckendes Foto zu sehen sein.

Quelle

Telegraph vom 26.9.2008

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Foto: „Das letzte Glas“, © beppo1 auf pixelio.de

Der Ausdruck „Kater“ kommt wahrscheinlich vom Wort „Katarrh“, womit eine Erkältung gemeint war. Ein Kater ist der unangenehme Zustand nach einer unangemessen großen Menge Alkohol am Vortag. Obwohl der Kater schon von den alten Ägyptern, den Griechen und auch im Alten Testament beschrieben wird, herrscht bis heute große Unklarheit, was seine Ursachen und seine Behandlung angeht. Ex existieren Tausende von Rezepten und Empfehlungen, aber es mangelt an wissenschaftlich solider Forschung.

Einen wissenschaftlichen Namen hat das Kind allerdings. Der Kater heißt Veisalgia, dieses Kunstwort wurde zusammengesetzt aus dem norwegischen Wort kveis (Unwohlsein nach einem Gelage) und dem griechischen ἄχος (algos, Schmerz). Die Engländer in ihrer pragmatischen Art bevorzugen den Ausdruck hangover = Überhang.

Ein Kater – was ist das?

Schwäche, Durst, Kopf- und Muskelschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Magenschmerzen, Müdigkeit, Schwindel, Überempfindlichkeit gegen Licht und Lärm, herabgesetzte Konzentration, Angstgefühle und Depression, Zittern, Schwitzen, Herzjagen und erhöhter Blutdruck – alles dieses oder eine Auswahl davon machen die Kernsymptome des Katers aus.

Woher kommt der Kater?

Darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Einigkeit herrscht nur soweit, dass vermutlich mehrere verschiedene Ursachen verantwortlich sind.

Ist der Kater ein Entzug …

Ein weit verbreitetes Rezept gegen den Kater heißt: Weitertrinken, am besten das, womit man am Abend vorher aufgehört hat! Und tatsächlich scheint dies vielen zu helfen. Ein klares Indiz dafür, dass das Unwohlsein am Morgen nach der Feier der erste Schritt zum Alkoholismus ist, sagen vor allem viele Psychiater. Mit der erneuten Aufnahme von Alkohol werden Entzugssymptome gemildert. Natürlich ist das Rezept nicht empfehlenswert. Schließlich verschiebt es das Problem nur auf den nächsten Tag, außerdem kann eine solche Katerkur tatsächlich über kurz oder lang zur Alkoholabhängigkeit führen.

….oder ist Methanol die Ursache?

Es gibt noch eine andere Erklärung dafür, warum Weitertrinken gegen den Kater hilft. Mit alkoholischen Getränken nimmt der Konsument nicht nur den gewünschten, mäßig giftigen Ethylalkohol sondern auch den hochgiftigen Methylalkohol, auch Methanol genannt auf. Das heißt genau betrachtet, ist nicht der Methylalkohol das Gift, sondern das, was der Körper (die Leber) daraus macht: Formaldehyd und Ameisensäure als sein Stoffwechselprodukt.

Der Methanolgehalt diverser alkoholischer Getränke ist unterschiedlich: Gin und Wodka enthält weniger als Rotwein, Whiskey oder Brandy. Und tatsächlich: Es ließ sich experimentell bestätigen, dass Gin und Wodka prozentual weniger oft zum Kater führen als stärker Methanolhaltige Drinks.

Auch reiner Ethylalkohol kann einen Kater verursachen, Methanol ist mit Sicherheit nicht die einzige Ursache, wenn morgens der Schädel brummt.

Rotwein und der Kopfschmerz

Rotwein kann bei bestimmten Menschen die Blutkonzentration von Histamin und Serotonin ansteigen lassen. Diese beiden körpereigenen Substanzen dienen als Botenstoffe, sie erweitern Blutgefässe im Gehirn und lösen bei vielen Menschen heftige Kopfschmerzen aus. Welche Substanz im Rotwein Histamin und Serotonin im Blut so stark ansteigen lässt, weiß noch niemand.

Giftige Abbauprodukte

Alkohol wird in der Leber zunächst zu Acetaldehyd umgewandelt. Acetaldehyd ist giftig, es verursacht Übelkeit und Erbrechen, einen schnellen Puls und einen roten Kopf. Langfristig macht es Krebs. Im Körper wird es durch ein Enzym namens ALDH (Aldehyddehydrogenase) schnell zur (ungiftigen) Essigsäure umgewandelt. Manchen Menschen mangelt es seit ihrer Geburt an ALDH, besonders Japaner und Mongolen sind betroffen. Diese Menschen leiden sehr am Alkohol: Das Gesicht wird rot und sie müssen schon brechen, wenn alle anderen noch fröhlich zechen.

Disulfiram (Antabus®) hemmt dieses Enzym, dieses Medikament soll dem Alkoholabhängigen den Genuss von Alkohol verleiden, der Kater wird unter Antabus möglicherweise zur tödlichen Vergiftung durch Acetaldehyd!

Wasserverlust durch Hormonentzug

50 Gramm Alkohol führen zu einer Ausscheidung von 600 bis 1000 Millilitern Wasser. 50 Gramm Alkohol stecken in einem Liter Bier, in einem halben Liter Wein oder in 125 ml Schnaps. Alkohol hemmt die Produktion eines Hormons, das in der Hirnanhangsdrüse des Menschen gebildet wird: das Antidiuretische Hormon (ADH).

Durst, Schwindel, trockener Mund und Benommenheit sind Folgen des Wassermangels nach einem Gelage. Erniedrigte ADH-Spiegel wurden allerdings nur während des Trinkens gemessen. Wenn die Blutalkoholkonzentration gegen Null sinkt (und der Kater richtig los geht), steigen die ADH-Werte wieder steil an, auf über-normale Werte.

Der Mangel an ADH kann also nicht allein verantwortlich sein für die Trockenheit im Mund, es müssen noch andere, unbekannte Faktoren für den Wasserverlust gefunden werden. Schwitzen, Erbrechen, Durchfall sind möglicherweise ebenfalls beteiligt am Verlust von Wasser und auch lebenswichtigen Salzen, den sogenannten „Elektrolyten“ wie Kalium, Natrium und Magnesium.

Warum rebelliert der Magen?

Alkohol reizt die Magenschleimhaut direkt, er fördert aber auch die Produktion von Salzsäure im Magen. Beides führt zu einer Magenschleimhautentzündung, der alkoholischen Gastritis. Auch die Sekretion von Enzymen der Bauchspeicheldrüse und die Tätigkeit des Dünndarms wird gefördert, während die Entleerung des Magens verzögert wird. Besonders aggressiv gegen die Magenschleimhaut verhalten sich hochprozentige Alkoholika.

Alkohol und Unterzuckerung

Alkohol hemmt die Neuproduktion von Traubenzucker (Glukose) in der Leber. Vor allem bei Alkoholikern, die Tage lang viel trinken und wenig essen, kann ein Mangel an Zucker im Blut (eine Unterzuckerung oder Hypoglykämie) lebensbedrohliche Konsequenzen haben. Auch für Diabetiker ist dieser Zustand gefährlich. Ob Mangel an Glukose auch eine Bedeutung für den ganz normalen Kater hat, ist fraglich.

Alkohol und Schlaf

Alkohol ist ein schlechtes Schlafmittel. Das Einschlafen wird gefördert, aber das Durchschlafen behindert. (Mit dem Absinken der Alkoholkonzentration kommt es zu einer Gegenregulation des Gehirns – anstatt gedämpft ist es jetzt überregbar.)

Das Verhältnis von Traumschlaf zu Tiefschlaf wird in Richtung Tiefschlaf verschoben, zu einer richtigen Erholung sind aber beide Phasen erforderlich. Alkohol führt also manchmal zu einem langen, aber wenig erquicklichen Schlaf.

Kater und Persönlichkeit

Alkohol ist ein schlechter Seelentröster: Schlechte Laune wird meist nicht besser, eher schlechter. Systematische Untersuchungen zeigen, dass Menschen, die in schwierigen Lebenssituationen trinken, häufiger einen Kater bekommen als andere. Das gleiche gilt für Menschen mit Neigung zu Angst, Depression oder Schuldgefühlen.

Besonders anfällig für einen Kater sind Menschen, die auch anfällig für Alkoholismus sind. (Ein höheres Risiko für Alkoholabhängigkeit weisen z.B. die Kinder alkoholkranker Eltern auf.)

Schon früher zeigte sich, dass tendenziell die Menschen, die Alkohol besser vertragen als andere, gefährdet sind, eine Abhängigkeit zu entwickeln. Zusammengefasst: Bessere Verträglichkeit heute, aber mehr Kater am nächsten Tag bedeutet : „Achtung! Alkoholabhängigkeit droht!“

Was hilft gegen den Kater?

Max H. Pittler und seine Kollegen von der Universität Exeter in Großbritannien haben in einer überaus gründlichen Studie alle wissenschaftlichen Untersuchungen zur Therapie des „hangover“ vom Jahre 1951 bis 2005 herausgesucht und kritisch bewertet.

Das Resultat fällt sehr ernüchternd aus: Es gibt keinen einzigen wissenschaftlich fundierten Beweis, dass irgendeine Methode zur Katerbehandlung wirklich hilft.

Irgendwie wird man sich damit wohl abfinden müssen. Alkohol ist ein Gift und ein Gegengift ist bisher nicht vorhanden. Also wird man weniger trinken müssen, wenn man nicht am nächsten Tag verkatert sein will.

Es gibt aber doch einige Hinweise zur Vorbeugung und Behandlung, die zwar nicht wissenschaftlich genau untersucht sind, aber dennoch einen hohen Grad an Plausibilität aufweisen, die ich hier einmal aufzählen will.

Getränke mit niedrigem Methanolgehalt bevorzugen

Gin und Wodka enthalten weniger Methanol als Brandy oder Whiskey. Tatsächlich konnte gezeigt werden, dass bei der gleichen Menge Alkohol mit den reineren, klaren Getränkesorten weniger häufig ein Kater auftritt als unter den weniger reinen, dunklen oder gar den Likören. Das gleiche gilt für den Vergleich von Rot- zu Weißwein.

Mischvergiftung vermeiden

Zigaretten verstärken den Kater am nächsten Morgen. Das gleiche gilt für andere Suchtstoffe, eine Mischvergiftung kann schlimmstenfalls tödlich enden.

Wasser ersetzen

Flüssigkeit kann man schon am Abend zuvor ersetzen, z.B. vor und nach jedem Getränk ein Glas Flüssigkeit ohne Alkohol trinken. Und auch am nächsten Morgen hilft der Flüssigkeitsersatz gegen Schwindel und Benommenheit.

Aspirin und Kollegen

Gegen Kopfschmerzen hilft am besten Acetylsalicylsäure, Ibuprofen oder ein ähnliches Medikament aus der Gruppe der entzündungshemmenden Schmerz- und Fiebermittel.

Vorsicht ist bei Oberbauchbeschwerden angezeigt – schließlich soll daraus doch kein Magenbluten werden? (Die Medikamente dieser Gruppe verhalten sich aggressiv gegen die Magenschleimhaut und begünstigen Blutungen.)

Paracetamol ist auch keine gute Alternative – die Leber ist angeschlagen und muss gerade Herkulesarbeit verrichten, um alle Gifte zu entfernen – da könnte ihr die zusätzliche Belastung durch Paracetamol schlecht bekommen. Oft hilft gegen Kopfschmerzen auch einfach starker Kaffee oder schwarzer Tee. Die Behauptung, dies würde weiter entwässern, hat sich als nicht haltbar erwiesen.

„Die Zeit heilt alle Wunden“

Die Zeit heilt sicher nicht alle Wunden, aber beim Kater ist Abwarten und vor allem Schlafen eine gute Option. Immerhin sind die meisten Kater nach acht bis 24 Stunden außer Haus. Allerdings kann der hangover auch bis zu drei Tagen anhalten.

Autofahrer, Chirurgen und Piloten sollten vorsichtig sein: Wer verkatert ist, hat auch bei null Promille noch deutliche Ausfälle im Bereich räumliches Sehen, Entfernungen werden falsch eingeschätzt.

Quellen

BMJ 2005;331:1515-1518 (24 December), doi:10.1136/bmj.331.7531.1515, Max H. Pittler et al.: Interventions for preventing or treating alcohol hangover: systematic review of randomised controlled trials

Robert Swift, M.D., Ph.D. and Dena Davidson, Ph.D., NIAAA Alcohol Health and Research World, January 14, 2002, Alkohol Hangover, Mechanisms and Mediators (pdf)

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Im Januar 1999 beschloss der Deutsche Bundestag, dass Ärzte mit dem 68. Lebensjahr keine Kassenpatienten mehr behandeln dürfen. (Privatpatienten aber unbegrenzt!) Für den Januar 2009 plant die Bundesregierung, diese Regelung wieder abzuschaffen.

1999 dachte man wohl: Weniger Ärzte – weniger Kosten. Jetzt erkennt man: Die ärztliche Versorgung auf dem Land ist bald nicht mehr gesichert, wenn alle Landärzte mit 68 Jahren zwangspensioniert werden.

In Bayern hat man die Konsequenz gezogen und im Vorgriff auf die neue Regelung zumindest den Kassenzahnärzten erlaubt, auch nach dem 68. Lebensjahr eine Kassenpraxis zu führen.

Eine Internistin (67 Jahre) und ein Zahnarzt (68 Jahre) aus Berlin hatten Pech. Heute wurde ein Urteil des Bundessozialgerichts bekannt: Die Zwangs – Verentung der beiden Kläger ist rechtens und verstößt auch nicht gegen das Grundgesetz und EU-Recht.

Zumindest der Zahnarzt könnte jetzt nach Bayern umziehen ….

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Die Bundesärztekammer sagt: „Ja !“ – und die Ärzte müssen eine (extra) Vergütung erhalten, wenn sie diese Krankheit behandeln. Die Spitzenverbände der Krankenkassen sagen: „Nein !“, denn Beratung rund ums Rauchen gehöre zu den (pauschal) vergüteten Kernaufgaben der Hausärzte. (Und was zu den Kernaufgaben der Hausärzte gehört und bereits bezahlt wird, ist keine Krankheit.) Sabine Bätzing, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, möchte differenzieren: Suchtraucher, Schwerstabhängige – die brauchten medizinische Hilfe. (Die anderen dürfen weiterrauchen?)

Was ist eine Sucht?

Nach Pschyrembel’s Klinischem Wörterbuch (261. Auflage), einem Standardwerk seit Jahrhunderten, spricht man von einer körperlichen Sucht (= Abhängigkeit), wenn:

1.) eine Toleranz (= Gewöhnung) an das Suchtmittel eintritt, der Süchtige also immer mehr von der Droge vertragen kann und wenn

2.) nach dem Absetzen der Substanz Entzugssymptome auftreten: Unruhe, Depression, Schwitzen etc. oder der Süchtige die Substanz nur noch konsumiert, um diese Entzugssymptome zu vermeiden.

Eine seelische (psychische) Abhängigkeit zeigt sich neben anderem dadurch, dass eine Substanz weiter konsumiert wird, obwohl der Konsument genau weiß, dass er sich damit schadet.

(Ich habe die Pschyrembel Definition in meine eigenen Worte gefasst und nur die Teile wiedergegeben, die auf das Rauchen passen.)

Die Antwort ist also ziemlich eindeutig: Rauchen ist (in aller Regel) eine Sucht – in rund 90 % der Fälle. Die sogenannten „Genussraucher“ – Menschen, die nur hin und wieder qualmen, stellen die absolute Minderheit dar.

Schwere Entwöhnung, der Arzt als Vorbild ?

Nichtraucherkurse haben eine schlechte Erfolgsrate: Eine Abstinenzrate von 20 % nach einem Jahr gilt als gut.

Eigentümlicherweise wird der Rat des Arztes anlässlich einer akuten Erkrankung erstaunlich oft befolgt, das zeigen meine eigenen Erfahrungen. Leider vergessen wir den entscheidenden Hinweis zu oft in der Routine und Hektik des Alltags.

Rauchende Ärzte geben übrigens seltener den Hinweis auf das Rauchen als Ursache einer Krankheit als ihre nichtrauchenden Kollegen. Ärzte rauchen in Deutschland nicht öfter als die Durchschnittsbevölkerung, wie der Autor des Ärztehasserbuchs Dr. med. W. Bartens meint. 20 % der Ärzte rauchen, 33 % ihrer Patienten. Aber: 20 % sind noch zuviel. In den USA wird schon in der Ausbildung der Medizinstudenten Wert auf Nikotinabstinenz gelegt und die Vorbildrolle des Arztes betont. In den Vereinigten Staaten rauchen nur 5 % der Ärzte. Vielleicht sollte man hier einmal ansetzen.

Nach meiner Überzeugung ist Rauchen eine Abhängigkeitserkrankung. Eine besondere Vergütung brauchen die Ärzte nicht, um ihre Patienten von den Vorzügen der Nikotinabstinenz zu überzeugen. Aber etwas mehr Motivation und vielleicht noch ein bisschen mehr eigenes Nichtrauchertraning.

(Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Autor dieser Zeilen ist Exraucher.)

Quellen

Deutsches Ärzteblatt:BÄK: „Tabakabhängigkeit als Krankheit anerkennen“

Deutsches Ärzteblatt: „Kassen gegen Einstufung von Rauchern als Kranke“

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung zum Thema Tabakabhängigkeit

Süddeutsche Zeitung vom 26.04.2008: „Butterkuchen für alle“

Institut für Ärztegesundheit: „Wenn Ärzte rauchen“
Bild: Claudia35 auf Pixelio.de

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Erkältung – das ist im medizinischen Sinn ein etwas ungenauer Begriff. Meistens versteht man darunter eine Infektion der Nase und des Rachens durch Viren. Zur Zeit sind über 100 verschiedene Viren bekannt, die eine solche Infektion auslösen können. Von diesen 100 Viren existieren eine Reihe von Subtypen, die wiederum häufig ihre Gestalt durch Mutationen verändern.

Das ist der Grund, warum die Erkältung für die meisten Menschen die häufigste Erkrankung in ihrem Leben ist: Kinder erkranken rund drei bis zehnmal im Jahr, Erwachsene zwei bis viermal.

Die Bezeichnung grippaler Infekt, die häufig benutzt wird, um eine Erkältung zu bezeichnen, führt ein wenig in die Irre. Eine Grippe ist keine Erkältung: Die Virusgrippe ist potentiell lebensbedrohlich und jährlich sterben viele Tausend Menschen daran, während ein Tod durch Erkältung sicherlich eine unglückliche Ausnahme darstellt.

Der Hals kratzt, die Nase läuft

Im Mittelpunkt der Symptome steht immer die Nase: Verstopft, laufend oder niesend. Im Hals kratzt es, vor allem zu Anfang, und manchen reizt das zum Husten. Fieber tritt meistens nur bei Kindern auf, Erwachsene frösteln etwas und haben leicht erhöhte Temperatur am Abend. Der Ausfluss aus der Nase ist anfangs klar, später wird er gelb und grün. Auch wenn man dies oft anders lesen kann: Die gelb-grüne Verfärbung ist kein Anzeichen für eine Infektion durch Bakterien, sondern gehört zum ganz normalen Verlauf.

Je nachdem, welcher der vielen Erkältungsviren verantwortlich ist, treten andere Beschwerden hinzu: Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, Husten, Schluckbeschwerden und Appetitlosigkeit. Aber: Die Nase steht immer im Mittelpunkt! Schluckbeschwerden, Fieber und Kopfschmerzen können z.B. eine Angina (Mandelentzündung) durch Streptokokken anzeigen, die vielleicht doch besser mit Penicillin behandelt werden sollte.

Ohne Arzt eine Woche, mit Arzt sieben Tage

Eine Erkältung ist meistens nach drei Tagen (mit und ohne Behandlung) nicht mehr ganz so schlimm, nach einer Woche ist in der Regel Schluss, manchmal dauert es zehn Tage oder sogar zwei Wochen. Sind die Symptome dann noch nicht abgeklungen, sollte man sich Gedanken machen und eventuell einen Arzt aufsuchen. Vorher nutzt es wenig, er kann Ihnen nicht wirklich helfen.

Komplikationen: Asthma, Mittelohrentzündung

Es gibt Ausnahmen: Manchmal ist eine Erkältung der Auslöser für einen Asthma-Schub. Vor allem bei Kindern kommt das häufiger vor – dann stehen aber Husten und/oder Luftnot im Vordergrund.

Vor allem bei Kindern kann die Erkältung eine Mittelohrentzündung auslösen – ebenfalls ein Grund, einen Arzt aufzusuchen, wenn auch nicht jede Mittelohrentzündung heute mit einem Antibiotikum behandelt wird.

Auch ist nicht jeder Ohrenschmerz und jedes Fieber beim verschnupften Kleinkind ein sicherer Hinweis auf diese Komplikation – Kinder haben leicht Fieber und bei einem Schnupfen sammelt sich sehr oft Sekret im Mittelohr an und verursacht dort Unbehagen.

Obwohl die Erkältung so häufig ist, gibt es erstaunlich wenig gesicherte Erkenntnisse über ihre Behandlung.

Wie wäre es mit Hühnersuppe?

Hühnersuppe wird nachweislich seit dem 12. Jahrhundert gegen Erkältungen verwendet. Es gibt zwar keine einzige wissenschaftliche Untersuchung dazu, aber immerhin – es ist eine angenehme Medizin, sie schadet bestimmt nicht und die Nase läuft deutlich heftiger. Wer keine Hühnersuppe mag: In China ist heißes Wasser ein weit verbreitetes Heilmittel gegen Erkältung. (Aber ebenso wenig belegt.)

„Viel trinken bei Erkältung“ – das hört man landauf, landab. Aber: Auch diese Empfehlung ist eine reine Mutmaßung – keine wissenschaftliche Erkenntnis. Trinken Sie, wenn Ihre Nieren gut arbeiten, ihr Herz kräftig schlägt und es Ihnen gut tut und schmeckt – aber quälen Sie sich nicht!

Antihistaminika und abschwellende Mittel: Kurzfristig hilfreich

Histamin ist eine körpereigene Substanz. Sie ist verantwortlich für Allergie und Entzündung. Antihistaminika sind Medikamente, die ursprünglich vor allem gegen die Beschwerden bei Allergien, z.B. Heuschnupfen entwickelt wurden. Vor allem die Antihistaminika der ersten Generation machen müde, aber die antiallergische und abschwellende Wirkung auf die Nase ist kräftig ausgeprägt.

In vielen frei verkäuflichen Mitteln gegen Erkältungen werden Antihistaminika kombiniert mit sogenannten Sympathomimetika. Sympathomimetika sind Medikamente, die einen Teil des unbewussten Nervensystems, den Sympathikus stimulieren. Der Sympathikus ist der Teil, der verantwortlich ist für Flucht und Angriff: Herzschlag und Blutdruck steigen, Müdigkeit verfliegt und – Nase und Bronchien werden frei.

Antihistaminika allein zeigten keine nennenswerte Wirkung bei Erkältungen, die Kombination mit Sympathomimetika bringt eine Erleichterung für einige Stunden, schneller gesund wird man mit dieser Kombination aber nicht.

Eines der in Deutschland am häufigsten verkauften Medikamente gegen Erkältung kombiniert ein Antihistaminikum (Doxylaminsuccinat), ein Sympathomimetikum (Ephedrin), einen Hustendämpfer mit dem Schmerzmittel Paracetamol.

Doxylamin macht so müde, dass es unter anderem Namen auch als frei verkäufliches Schlafmittel im Handel ist. Aus diesem Grund soll dies viel beworbene Erkältungsmittel auch zur Nacht genommen werden. Andererseits: Ephedrin, der zweite Bestandteil, macht zwar die Nase frei, aber auch wach. Ephedrin als Monosubstanz ist verschreibungspflichtig, das Aufputschmittel birgt ein Suchtpotential. In Kombinationsarzneien ist es aber noch frei verkäuflich. Ephedrin und Doxylamin machen zusammen die Nase frei, Doxylamin schläfert ein, Ephedrin macht wach – wahrscheinlich gewinnt meist das Antihistamin und der Patient schläft ein. Damit er aber nicht vom Husten oder Schmerzen aufwacht, hat man zur Vorsicht Dextromethorphan als Hustendämpfer und Paracetamol als Schmerzmittel dazu getan.

Wissenschaftlich fundierte Studien zur Wirksamkeit dieser Kombination sind mir nicht bekannt. Medikamente, die vier verschiedene Wirkstoffe enthalten, werfen grundsätzliche Probleme auf: Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Substanzen sind schwer zu kalkulieren. Tritt eine Allergie oder Unverträglichkeit auf, stellt sich die Frage: „Welche der vier Substanzen ist verantwortlich und sollte in Zukunft vermieden werden?“

Kinder sollten grundsätzlich keine frei verkäuflichen Mittel gegen Erkältungen erhalten.

Nasensprays und Nasentropfen vorsichtig dosieren

Sympathomimetika wirken auch in den Nasensprays gegen Schnupfen. Die Sprays helfen (ein paar Stunden) – auch sie können die Dauer der Erkrankung nicht abkürzen.

Wenn sie zu lange benutzt werden (schon nach mehr als fünf Tagen!), wird die Nase süchtig. Eine süchtige Nase verstopft sofort, wenn sie ihre tägliche Dosis Nasenspray nicht bekommt. Das erste Spray gegen Schnupfen hieß Privin®. Ihm zu Ehren nennt man die ständig verstopfte Nase durch Missbrauch Privinismus.

Verwenden Sie daher abschwellende Nasentropfen und Nasensprays nur kurze Zeit, höchstens fünf Tage. Auch Erwachsene sollten die Sprays für Kinder verwenden, sie sind niedriger dosiert und daher schonender.

Bei Säuglingen hilft oft ein Nasensauger besser. Mit diesem einfachen Gerät wird der Schleim beim Baby aus der Nase abgesaugt – ohne Nebenwirkung.

Stärken Sie Ihr Immunsystem?

Die Zeitschriften mit den vielen bunten Bildern sind voll von allen möglichen Tipps, wie das Immunsystem vor allem im Herbst und Winter gestärkt werden sollte. Ich möchte hierzu meine Bedenken anmelden.

Die Symptome der Erkältung werden nicht vom Virus verursacht. Verstopfte Nase, Gliederschmerzen und Fieber – alle diese unangenehme Beschwerden produziert einzig und allein das Immunsystem! Wird das Immunsystem gestärkt, werden die Beschwerden schlimmer.

95 % aller Menschen, denen man ein Konzentrat von Erkältungsviren in die Nase spritzte, infizierten sich. Infektion, d.h.: das Virus vermehrte sich in den Zellen der Nasenschleimhaut. Beschwerden wie bei einer Erkältung entwickelten aber nur 75 % der Infizierten. Die 25 % der Infizierten ohne Beschwerden hatten kein besonders starkes, sondern ein schwaches Immunsystem. Die Abwehr reagierte nicht auf den Virus, sie gestattete dem Gast die ungestörte Vermehrung, der Wirt blieb mangels Abwehrleistung beschwerdefrei. Wenn sie die Beschwerden einer Erkältung besonders heftig plagen ist dies kein Anzeichen eines gestörten Immunsystems. Ihr Immunsystem ist vielleicht sogar besonders leistungsfähig.

Der Grog am Abend mag vielleicht nicht schaden, aber zuviel Alkohol begünstigt Komplikationen. Und auch Zigarettenraucher sind schlechter dran. Eine Erkältung könnte den Anstoß geben, jetzt aufzuhören: Die Zigarette schmeckt ja eh nicht mehr!

Bloß keine Antibiotika!

Eine Erkältung ist eine Viruskrankheit. Antibiotika helfen (manchmal) gegen Bakterien, gegen Viren sind sie machtlos. Antibiotika verursachen Nebenwirkungen: Durchfall, Magenschmerzen, Scheidenpilz sind die häufigsten. Schlimm: Bakterien werden resistent, unkritischer Einsatz dieser lebensrettenden Substanzen fördert diese Entwicklung.

Die Kraft des Sonnenhutes

Extrakte aus dem Sonnenhut (Echinacea) werden schon seit längerem zur Vorbeugung und Behandlung von Erkältungen eingesetzt. Ob Echinacea wirklich hilft, ist immer noch umstritten. Wissenschaftliche Studien kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Einige fanden eine gewisse Linderung der Beschwerden im Vergleich zu Placebo, andere sahen keinen Vorteil.

Die verschiedenen Präparate aus dem Sonnenhut unterscheiden sich sehr, je nachdem aus welcher Sonnenhutart sie gewonnen wurden und je nachdem ob die ganze Pflanze oder nur die Blüten oder die Wurzeln verwendet wurden.

Die Nebenwirkungen des Sonnenhuts sind gering, Allergien wurden berichtet.

Eine langfristige Einnahme von Echinacea ist bisher wissenschaftlich noch nicht untersucht worden; man sollte dies also besser unterlassen – die Risiken sind nicht kalkulierbar.

Spurenelement Zink: Hilfe bei Erkältung?

Zink ist ein für den Menschen unentbehrliches Element, das er in geringen Mengen regelmäßig mit der Nahrung aufnehmen muss. Zink wird zur Vorbeugung und Behandlung von Erkältungen als Tabletten, Kapseln usw. zum Schlucken und in Nasensprays etc. zur lokalen Anwendung angeboten.

Zink gegen Erkältung – hilft das? Auch hier lautet die Antwort: Man weiß es nicht so genau. Eine Durchsicht aller Studienergebnisse der letzten 28 Jahre erbrachte genau vier Studien weltweit, die ernsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Von diesen vier zeigten drei keinen Effekt, eine erbrachte einen positiven Effekt eines Zinknasengels. Allerdings wurden in letzter Zeit Berichte über einen unwiederbringlichen Verlust der Riechfähigkeit nach nasalen Zinkpräparaten veröffentlicht.

Nase schnäuzen, „hochziehen“ oder laufen lassen?

Vieles spricht dafür, dass durch heftiges Schnäuzen und auch Niesen Sekret aus der Nase in die Nasennebenhöhlen gedrückt wird und dort Entzündungen begünstigt. Nase laufen lassen oder hochziehen sieht irgendwie nicht ästhetisch aus. Aber: Wenn schnäuzen, dann vorsichtig, langsam und ohne Druck und Trompetenstoß!

Gegen Fieber und Schmerzen

Paracetamol ist das Mittel der Wahl gegen Fieber und Schmerzen. Wenn es richtig dosiert wird (Packungsbeilage beachten und die Höchstdosis nicht überschreiten!), hat es so gut wie keine Nebenwirkungen.

Etwas stärker wirksam, aber auch mit etwas mehr Nebenwirkungen behaftet ist Ibuprofen. Ibuprofen wirkt zusätzlich abschwellend.

Beide Medikamente sind rezeptfrei (und preiswert) in der Apotheke zu kaufen.

Dampfinhalation – wenig wirksam

Auch die Inhalation von Wasserdampf konnte der genauen wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten: Es ist offensichtlich wirkungslos, dagegen haben sich schon viele Kinder ernsthaft dabei verbrüht.

Vorbeugen, aber wie?

Erkältungen treten bei uns am häufigsten in den Wintermonaten auf. Warum das so ist, weiß keiner ganz genau.

Der Name Erkältung kommt zwar von Kälte und fast jeder zweite Patient mit laufender Nase kann ganz genau sagen, wann er sich verkühlt hat. Aber: Das Kälte zur Erkältung führt, konnte nie so recht bewiesen werden.

Auch in den Tropen gibt es schließlich Erkältungen! Dort treten sie hauptsächlich zur Regenzeit auf. Aus diesem Grunde wurde vermutet, dass die hohe (relative) Luftfeuchtigkeit das Gedeihen der Viren fördert.

Ganz sicher sind aber Erkältungsviren nötig, um eine Erkältung zu produzieren. Die gedeihen in den Zellen der Nasenschleimhaut, vor allem in Kindernasen. Beim Niesen und Atmen werden sie in die Umgebung geschleudert. Sie gelangen ins Taschentuch, auf die Hände des Erkrankten.
Der Gesunde nimmt sie ebenfalls mit den Händen auf, bringt sie von dort ins Gesicht und steckt sich auf diese Weise mit 95%-iger Wahrscheinlichkeit an.

Die direkte Infektion von Nase zu Nase gibt es auch, aber die Hände spielen eine größere Rolle. Vorbeugung durch Händewaschen ist sehr effektiv! Mit ungewaschenen Händen nicht ins Gesicht fassen – eine ebenfalls wirksame Vorbeugung. Natürlich gehören gebrauchte Einmaltaschentücher in den Müll und zwar sofort.

Vielleicht – so wurde kürzlich vermutet – sind der Winter und die Regenzeit deswegen Erkältungssaison, weil die Menschen zu diesen Zeiten dichter aufeinander rücken müssen und dadurch mehr Möglichkeiten zur Virusübertragung schaffen. Menschenansammlungen meiden ist eine Art der Vorbeugung, die leider nicht jeder nutzen kann. Am häufigsten erkältet sind die Kleinen im Kindergarten, ihre Geschwister und deren Eltern. Übrigens: Je kleiner der Kindergarten, um so seltener die Erkältungen.

Quellen

JAMA, Vol. 271 No. 14, April 13, 1994: Effect of inhaling heated vapor on symptoms of the common cold

Commoncold.org

Cochrane Collaboration: Echinacea for preventing and treating the common cold

Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM): Leitlinie Nr. 10 Rhinosinusitis

Cochrane reviews auf Deutsch zum Thema Akute Infektionen der Atemwege

Cochrane Collaboration: Antihistamines for the common cold

Cochrane Review auf Deutsch: „Nasentropfen und Schnupfenmittel können bei Erwachsenen für kurze Zeit eine verstopfte Nase bessern. Über die Wirkung bei Kindern unter 12 Jahren besteht keine Klarheit“

Cochrane Review auf Deutsch: „Antihistaminika allein sind keine wirksame Behandlung für eine Erkältung, jedoch können sie in Verbindung mit abschwellenden Medikamenten etwas helfen“

Medline Plus: Common Cold

The New England Journal of Medicine (NEJM), Volume 353:341-348, 28.Juli 2005, Number 4: „An Evaluation of Echinacea angustifolia in Experimental Rhinovirus Infections“

Clin Infect Dis. 2007 Sep 1;45(5):569-74. Epub 2007 Jul 20.: „Treatment of naturally acquired common colds with zinc: a structured review.“

Cochrane Review: „Advising patients to increase fluid intake for treating acute respiratory infections“

Gesundheitsinformation.de: Merkblatt – „Erkältung“ –
Was ist eine Erkältung? Was ist der Unterschied zu einer Grippe?

Bild (Erkältete Frau): Maria Lanznaster auf Pixelio.de

Bild (Sonnenhut): x-ray-andi auf Pixelio.de

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Vitamin C ist seit den 1930er Jahren bekannt und seit dieser Zeit wird es auch als Heilmittel gegen ganz normale Erkältungen empfohlen. Besonders populär wurde es durch den Chemienobelpreisträger Linus Pauling. Pauling glaubte, Vitamin C helfe nicht nur gegen Erkältungen, sondern auch gegen Krebs. Er selber nahm 18 g Vitamin C am Tag und propagierte in den 1970er Jahren die breite Anwendung der Ascorbinsäure, wie Vitamin C auch genannt wird.

Die Beweislage für die behaupteten Wirkungen sieht allerdings recht dürftig aus. Auf den englischen Seiten der Cochrane Collaboration findet man eine Zusammenfassung aller bisher (letztes Update 14.5.2007) vorliegenden, wissenschaftlich soliden Studien.

Die Cochrane Collaboration fand 30 Studien mit 11350 Teilnehmern, die alle zeigten, dass Vitamin C keinen vorbeugenden Effekt gegen Erkältungen aufweist. Allerdings konnte in einigen Studien ein sehr geringer Effekt auf die Heftigkeit und die Dauer der Beschwerden nachgewiesen werden, wenn Vitamin C vorbeugend eingenommen wurde. Die Vereinigung zur Förderung der wissenschaftlichen Medizin zweifelt aber daran, dass dieser Effekt bedeutsam ist und den Einsatz von Vitamin C in der Allgemeinbevölkerung rechtfertigen könnte.

Allerdings: Nahmen Marathonläufer und Skifahrer Vitamin C vor dem Wettkampf ein, dann konnten sie die Häufigkeit von Erkältungen um die Hälfte reduzieren. Demnach ist der Einsatz von Vitamin C vor großen körperlichen Anstrengungen und Kältebelastungen möglicherweise sinnvoll.

Die Studienlage beim Einsatz von Vitamin C zur Behandlung von Erkältungskrankheiten ist sehr widersprüchlich. Nur zwei Studien zeigten einen Erfolg: Bei der einen gab es 8 g Vitamin C am ersten Tag, bei der anderen fünf Tage lang.

Die Cochrane Collaboration schlussfolgert, dass weitere Studien dringend erforderlich sind, um die Frage: „Hilft Vitamin C bei Erkältung ?“ endgültig zu beantworten.

Auf die Frage bin ich durch SuMu vom lesenswerten Blog Psychomuell! gekommen. Das heißt, die wirkliche Frage war natürlich: „Was hilft eigentlich gegen Erkältung ?“. Aber die Antwort darauf dauert länger als die Mittagspause, deswegen habe ich sie auf später verschoben.

Quellen

Cochrane Reviews: Vitamin C for preventing and treating the common cold

PLoS Medicine: Vitamin C for Preventing and Treating the Common Cold

Bild (Paprika und Vitamin C – Tabletten): PLoS Medicine

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Die Zahl der Übergewichtigen in Deutschland und Europa nimmt rapide zu. Völlig unbestritten: Übergewicht ist ungesund. Ebenfalls unbestritten: Bewegung ist gesund und hilft, das Gewicht zu reduzieren. Völlig unklar: Welches ist der beste Weg, das Gewicht nach unten zu bringen?

Diät – eine Glaubenssache

Da Fakten fehlen, gerät die Diskussion um die „rechte“ Diät zur Glaubensdiskussion. Jeder Prophet verkündet seinen Jüngern seine Offenbarung, die er nicht aus Langzeitstudien sondern aus einer Betrachtung der „Natur des Menschen“, der Philosophie oder sogar der Archäologie entnimmt. („Die Steinzeitmenschen waren reine Fleischfresser.“)

Neue Studie aus Israel

Ein ganz wenig Licht ins Dunkel bringt jetzt eine Studie aus Israel. Wissenschaftler an der Ben Gurion Universität des Negev untersuchten 322 mäßig übergewichtige Menschen (mittlerer BMI 31), zum größten Teil Männer, die in einer Forschungseinrichtung arbeiteten.

Sie wurden in drei Gruppen mit drei verschiedenen Diäten eingeteilt:

* Gruppe 1 erhielt die von der Amerikanischen Herzgesellschaft (und auch von mir) oft empfohlene „low fat“ – Diät. Kurz zusammengefasst: Nicht mehr als 1500 kcal für Frauen, 1800 für Männer, nicht mehr als 30 % der Kalorien aus Fett.

* Gruppe 2 sollte mit der ebenfalls von mir oft empfohlenen Mittelmeerdiät abnehmen. Hier gilt die gleiche Kalorienbeschränkung wie in Gruppe 1, Fisch und Geflügel ersetzen das rote Fleisch, es gibt viel Gemüse, und das Fett (maximal 35 % der Gesamtkalorien) stammt in erster Linie aus Olivenöl und Nüssen.

* In Gruppe 3 („Low-carb-Diät“) durfte jeder soviel Kalorien essen, wie er wollte. Beschränkt wurden nur die Kohlenhydrate: Auf 20 Gramm in der zweimonatigen Anfangsphase, danach auf 120 g. Das Fett sollte hauptsächlich aus pflanzlichen Quellen stammen.

85 % blieben zwei Jahre dabei

Das besondere an der israelischen Studie, die im Juli 2008 in der weltweit hoch angesehenen amerikanischen Medizinerzeitschrift New England Journal of Medicine (NEJM) veröffentlicht wurde, ist die lange Zeit der Nachbeobachtung. Außerdem bemerkenswert im Vergleich zu anderen Studien: Die geringe „Drop- -out – Rate“: Gut 85 % (272 Teilnehmer) bleiben der Studie bis zum Ende nach zwei Jahren treu.

Wegen der „langen“ Nachbeobachtungszeit erregte die Studie weltweit einige Aufmerksamkeit. Zwei Jahre sind nun wirklich keine sehr lange Dauer, aber es gibt nun mal nur sehr wenige langfristige Untersuchungen zum Problem Gewichtsabnahme.

Eine andere Diät für Frauen?

Der große Nachteil der israelischen Untersuchung ist der große Männeranteil. Es zeigt sich, dass das Ansprechen von Frauen und Männern auf Diäten zur Gewichtsabnahme sehr unterschiedlich ausfällt: In Israel sprachen die Frauen auf die mediterrane Kost besser an als die Männer.

Am dünnsten nach Low-Carb

Die Resultate der Studie sind einigermaßen überraschend. Den größten Gewichtsverlust erzielte die „Low-carb-Gruppe“ mit durchschnittlich 5,5 kg nach zwei Jahren. Es folgt die Mittelmeergruppe mit 4.6 kg und ganz am Ende liegt die „low fat“ Gruppe mit 3,3 kg mittlerem Gewichtsverlust.

Für Diabetiker die Diät vom Mittelmeer

Alle drei Diäten besserten die Blutfettwerte, am besten schnitt aber auch hier wieder die „low carb“ Gruppe ab. Die 31 Diabetiker profitierten am besten von der Mittelmeerkost, gemessen z.B. an ihren Nüchternblutzucker – Werten.

Resümee: Sind Diäten sinnvoll?

Das Resümee der Forscher: Mittelmeerdiät und „low carb“ Diät sind ganz sicher Alternativen zu der oft von Ärzten propagierten „Wenig-Fett“-Kost, wenn es ums Abnehmen geht.

Meine Meinung: Ob Diäten auf lange Sicht sinnvoll sind, beweist auch diese Studie nicht. Sinnvoller für die Gesundheit ist eine langfristige Umstellung der ganzen Lebensweise. Mehr Obst und Gemüse, mehr Bewegung, weniger Fett und Fleisch sind nicht nur gut für das Gewicht, sie verhindern nachweislich auch eine Reihe anderer Krankheiten wie z.B. Krebs.

Quelle

Weight Loss with a Low-Carbohydrate, Mediterranean, or Low-Fat Diet– Originaltext der Studie im NEJM, Volume 359:229-241, 17. Juli 2008

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Alle Welt spricht vom Bürokratieabbau. „Wir nicht“ – so heißt es in der Praxis des Kassenarztes. (Pardon – der heißt jetzt neuerdings „Vertragsarzt“.)

Seit 1985 fülle ich Kuranträge („Anträge auf Leistungen zur medizinischen Rehabilitation“) für meine Patienten aus. Sie wurden mal bewilligt, mal nicht. Warum ein Kurantrag mal abgelehnt wurde und mal nicht, konnte ich noch nie verstehen. Ich hätte das Ergebnis auch auswürfeln können.

Sensation: Formularinkompetenz nach 20 Jahren aufgedeckt!

Im Jahre 2005 hat man festgestellt, dass ich diese Anträge nicht mehr ausfüllen kann.

Entweder musste ich einen Fortbildungskurs besuchen, in dem mir erklärt wird, wie ich das richtig mache. Oder ich musste nachweisen, dass ich so und so viele Kuranträge schon ausgefüllt habe.

Mir kommt es so vor, als ob ich in den 20 Jahren zwischen 1985 und 2005 Millionen von Kuranträgen ausgefüllt hätte. „Kurantrag ausfüllen“ ist nicht lustig, es macht keinen Spaß. Ich habe es nur gemacht, um meinen Patienten zu helfen.

Im besagten Jahr 2005 sollte ich nun 15 Kuranträge nachweisen. Wollte ich nicht. (Glaubt eigentlich irgend jemand, dass ein Allgemeinarzt in 20 Jahren keine 15 Kuranträge zusammen bekommt?) Zur Fortbildung wollte ich aber auch nicht und meine Kollegen in der Nachbarschaft hatten auch keine Lust. (Haben wir eigentlich nichts besseres zu tun?)

Genehmigung zur Verordnung von Leistungen zur medizinischen Rehabilitation gemäß der Rehabilitations-Richtlinie nach § 92 Abs. 1 Satz 2 Nr. 8 SGBV vom 16.03.2004 in Verbindung mit der Qualitätssicherungsvereinbarung gemäß § 135 Abs. 2 SGBV vom 01.03.2005 – so heißt übrigens die Lizenz zum Kur – Verordnen.

Keiner will mehr Kuranträge ausfüllen

Also blieb ich ohne Genehmigung zur Verordnung von Leistungen zur medizinischen Rehabilitation gemäß…. Ich erkundigte mich bei den zuständigen Stellen, wer denn noch dem Patienten zur Kur verhelfen dürfte.

Die Liste mit zehn Adressen kam postwendend. Meine Sprechstundenhilfen telefonierten sich die Finger wund. Der eine Kollege wollte nicht, der andere war verstorben, der dritte durfte gar nicht – er stand nur aus Versehen auf der Liste.

Schließlich blieben zwei übrig. Der eine war der Meinung, mein Patient braucht gar keine Kur. Der andere durfte zwar Kuren beantragen, wollte dies aber nicht mehr für andere übernehmen.

Also bin ich zu Kreuze gekrochen, habe 15 Kuranträge irgendwo zusammengesucht und den Antrag gestellt.

Nunmehr darf ich, der schon seit 20 Jahren Kuranträge stellt, dies auch weiterhin tun.

Ärzte können keine zwei Formulare unterscheiden

Man hat aber festgestellt, dass Ärzte nicht wissen können, welches Formular das richtige ist.

Deshalb hat man das „Formular Nr. 60“ erfunden. Das Formular Nr. 60 ist – man glaubt es nicht – der Antrag auf einen Kurantrag. (In Wirklichkeit heißt es natürlich viel bedeutender, das habe ich aber vergessen.) Das Formular Nr. 60 geht zur Krankenkasse, dann erhält man postwendend das Formular Nr. 61, wenn die Krankenkasse zuständig ist. Ist stattdessen z.B. die Rentenversicherung zuständig, dann wird das entsprechende Formular für die Deutsche Rentenversicherung geschickt. Kann aber auch sein, dass die Krankenkasse nur mitteilt, man möge doch lieber dort das Formular anfordern.

Kurz zusammengefasst: Das Formular Nr. 60 wurde erfunden, weil ein Mensch mit Abitur, abgeschlossenem Medizinstudium, 5 Jahren Weiterbildung und 20 Jahren Berufserfahrung nicht in der Lage ist, zu erkennen, ob die Rentenversicherung oder die Krankenversicherung für den Kurantrag zuständig ist.

Es ist noch keine zwei Wochen her: Ich stelle einen Antrag auf Formular Nr. 60, den Antrag auf den Kurantrag. Ich bekomme den falschen Antrag zurück. Ich weiß, das dieser Antrag falsch ist. Die Patientin ist Rentnerin, da bezahlt die Rentenversicherung keine Kur. Ich fülle den Antrag trotzdem aus. Zwei Wochen später: Die Patientin kommt wieder in meine Praxis.

Die Krankenkasse hat ihr kommentarlos einen zweiten Antrag geschickt – den richtigen.

Ist jetzt jedem klar, womit wir unsere Zeit verbringen und warum die Kosten des Gesundheitssystems nicht in den Griff zu kriegen sind?

Quellen

Eigene Erfahrung

Rehaklinik: Ärzte füllen keine Kuranträge mehr aus

Bild: © El-Fausto auf pixelio.de

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Kürzlich bemerkte ein Kollege von mir in einer Diskussion, die beste Lösung für die Gesundheitsreform in Deutschland wäre eine Kombination aus holländischer Ausbildung und dänischem Gesundheitswesen.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich das dänische Gesundheitswesen bisher überhaupt nicht kannte. Ich habe mich also schnell hingesetzt und nachgeforscht. (Das holländische System ist mit einigermaßen vertraut, wir kommen später drauf zurück.) Und hier sind die Ergebnisse: Die Pluspunkte und die Nachteile des dänischen Gesundheitssystems aus meiner Sicht.

1.) In Dänemark gibt es nur eine Krankenkasse. Ein enormer Kostenvorteil, wie ich denke. Ich habe noch nie verstanden, warum wir 220 Stück davon in Deutschland brauchen. Jede Däne und jeder in Dänemark lebende EU-Ausländer ist automatisch krankenversichert.

2.) Das dänische Gesundheitssystem wird über Steuern finanziert. Die Finanzierung über Steuern finde ich wesentlich gerechter als die über Krankenkassenbeiträge. Somit tragen auch höhere Einkommen mehr zur Finanzierung der Krankheitskosten bei, in Deutschland werden niedrige Einkommen relativ stärker belastet. (Auf Arbeits – Einkommen müssen in Deutschland nur bis zur Beitragsbemessungsgrenze (5300 Euro West, 4500 Euro Ost) Beiträge zur Krankenversicherung abgeführt werden Wer mehr verdient, kann sich entweder privat versichern oder bekommt Rabatt bei der gesetzlichen Versicherung.)

3.) Nicht jeder Arzt darf seine Praxis gründen, wo er will. Ein örtlicher Ausschuss, besetzt mit Vertretern der Gesundheitsbehörde und der Ärzte entscheidet darüber, wo sich ein Arzt niederlassen darf. Das deutsche Problem: Überversorgung in den Städten und Ärztemangel auf dem Lande existiert nicht in Dänemark. Die ärztliche Versorgung ist flächendeckend garantiert bis auf die kleinste Insel.

4.) Die Patientenakte wird ausschließlich elektronisch organisiert und ist über das Internet einsehbar. Und zwar darf nicht nur der Arzt, sondern auch der Patient in seiner Akte lesen. Bei einer Notfallbehandlung kann die Akte vom behandelnden Arzt eingesehen werden. Die Notfallbehandlung wird sofort eingetragen, der Hausarzt ist sofort informiert. Das Rezept geht auf dem gleichen Weg zur Apotheke. Hat ein anderer Arzt als der Hausarzt in die Akte geschaut, wird der Patient informiert, das reicht den Dänen als Datenschutz. Alle im Krankenhaus erhobenen Befunde, Röntgenbilder etc. sind als Link in die Akte eingefügt. Ein Klick auf den Link und das Bild ist da! Ohne Zweifel wirft diese Vorgehensweise eine gewaltige Einsparung von Kraft, Mühe und Geld ab. In Deutschland wird sich dies vermutlich nie durchsetzen lassen, die Furcht vor dem gläsernen Patienten ist zu groß.

5.) In Dänemark ist ein strenges Hausarztsystem installiert. (Fast) jeder Däne ist bei einem Hausarzt registriert. Dieser ist sein erster Ansprechpartner in allen Fragen der Gesundheit und Vorsorge. Und bei den Hausärzten werden auch 90 % aller Behandlungen abgeschlossen. 3500 niedergelassene Allgemeinmediziner, 1000 Fachärzte und 3800 Zahnärzte versorgen die rund 5,5 Millionen Dänen. Herrschten deutsche Verhältnisse im Land der Dänen, dann wäre die Zahl der Fachärzte mehr als drei mal so hoch. Außer bei den HNO- und den Augenärzten gibt es ein Zugang zum Facharzt nur über den Hausarzt. Fachärzte sind in der Regel bei den Krankenhäusern angesiedelt.

Die Dänen scheinen mit diesem System zufrieden zu sein. Die Dänen können auch eine andere Variante der Krankenversicherung mit freiem Facharztzugang wählen. Das ist etwas teurer und der Patient muss die Kosten der Behandlung vorschießen. Nur 2 % der Dänen wählen diese Art der Versicherung.

Die Medizinerausbildung an den Universitäten ist auf die Ausbildung von Hausärzten zugeschnitten. Ähnlich wie in Deutschland dauert das Medizinstudium sechs Jahre, es folgt ein Praktikum von 18 Monaten und eine Weiterbildung zum Allgemeinarzt von weiteren fünf Jahren.

6.) Die Dänen sind zufrieden mit ihrem Gesundheitssystem. Jedenfalls ist die Gesundheitsreform kein Thema in Dänemark. Keine der bestehenden Parteien stellt das bestehende System grundsätzlich in Frage, Umfragen bei Patienten zeigen gute bis sehr gute Zufriedenheit.

Apropos Zufriedenheit: Den Hausärzten geht es blendend in Dänemark. Sie haben eine 37- Stunden Woche, verdienen dabei aber fast doppelt so viel wie ihre deutschen Kollegen. Dänemark ist Ärztezuwanderungsland – vor allem schwedische Kollegen lockt der höhere Verdienst. (Die frei werdenden Stellen in Schweden werden unter anderem von deutschen Ärzten aufgefüllt.) Im Gegensatz zu Schweden, die auch eine staatliche Einheitskrankenkasse besitzen, sind die Hausärzte in Dänemark Freiberufler wie in Deutschland, in Schweden dagegen Staatsangestellte.

7.) Das dänische Gesundheitssystem arbeitet kostengünstig. Die Ausgaben für Gesundheit – gemessen in Prozentanteilen am Bruttoinlandsprodukt – liegen weltweit am höchsten in den USA, in der Schweiz und in Deutschland. Dänemark liegt hingegen unter dem EU-Durchschnitt und genau im Durchschnitt der OECD-Länder.

Nun kann man ein 5-Millionen-Land schlecht mit einem 80-Millionen-Land vergleichen, trotzdem: Es scheint, als hätten die Dänen wichtige Einsparpotenziale aufgetan, ohne die Zufriedenheit der Beteiligten zu stören.

8.) Lange Wartezeiten auf (planbare) Operationen Die Dänen müssen mitunter lange auf eine neue Hüfte warten, länger als in Deutschland jedenfalls. Allerdings kann jeder Däne jedes dänische Krankenhaus in Anspruch nehmen und alle Krankenhäuser veröffentlichen die Wartezeiten im Internet. Muss der Patient länger als einen Monat auf den operativen Eingriff warten, dann kann er ihn auf Staatskosten auch im Ausland oder in einer Privatklinik vornehmen lassen.

Privatkliniken entstehen zunehmend in Dänemark, für die Behandlung in diesen Spezialeinrichtungen kann man eine private Krankenversicherung abschließen. Viele Gesundheitspolitiker kritisieren diesen Trend: Sie werfen den Versicherungsgesellschaften vor, sie würden Privatkliniken mit Defizit betreiben, nur um die Nachfrage nach privaten Krankenversicherungen künstlich zu schaffen.

9.) Ärztemangel zeichnet sich ab. Vor allem Hausärzte auf dem Land haben Probleme, Nachfolger für ihre Praxis zu finden. Auch in Dänemark wird die Arbeit auf dem Lande für Ärzte zunehmend unattraktiver. Immer mehr Frauen studieren Medizin, wie in Deutschland sind auch in Dänemark bereits 60 % der frischgebackenen Mediziner Ärztinnen. Und die bevorzugen Teilzeitstellen oder solche in der Nähe der Stadt, wo der Ehemann arbeitet und die Kinder bessere Betreuungs- und Schulmöglichkeiten haben. Nimmt der Frauenanteil an der Medizinerschaft zu, dann muss mehr Nachwuchs her, es müssen mehr Medizinstudenten ausgebildet werden. Frauen scheiden nun mal häufiger als Männer zeitweise aus dem Berufsleben wegen Schwangerschaft, Geburt und Kindererziehung aus. Diese Tatsache wurde und wird sowohl von deutschen als auch von dänischen Gesundheits- und Bildungspolitikern nicht erkannt.

10.) Hohe finanzielle Patientenbeteiligung beim Zahnarzt und bei Medikamenten. Die ersten 70 Euro im Jahr für Medikamente muss der Patient selbst bezahlen. Im Vergleich zu Deutschland ist das ungünstiger für die Leichtkranken, die nur wenig Medikamente brauchen. Für die Schwerkranken mit hohem Medikamentenbedarf wäre das dänische System von Vorteil.

Für den Zahnarzt zahlt die dänische Krankenkasse nur 25 % der Rechnung, den Rest trägt der Patient.

Fazit

Das dänische Gesundheitswesen kann nicht ohne weiteres in Deutschland übernommen werden. Die Struktur in Deutschland ist über Jahrzehnte gewachsen und kann nicht in einem Kraftakt umgebogen werden. Allerdings: Es gibt vieles, was wir meines Erachtens von den Dänen lernen können: Weniger Krankenkassen und mehr Hausärzte – das spart im Gesundheitswesen!

Übrigens: Ich würde mich freuen über Kommentare von Patienten, die das dänische Gesundheitswesen von innen – als Patient oder als Gesundheitsberufler – kennen gelernt haben.

Quellen

Dirk Schnack: Hausarztpraxis in Dänemark, Schleswig Holsteinisches Ärzteblatt 1/2002

Erfahrungsbericht einer Schweizer Ärztegruppe über das dänische Gesundheitswesen

WOZ – Die Wochenzeitung, 22.2.2007: Reinhard Wolff: Beispiel Dänemark

Rheinisches Ärzteblatt 2/2004: Das dänische Gesundheitssystem

Manuskript SWR: Billiger muss nicht schlechter sein – Was Gesundheit in anderen Ländern kostet, 1.9.2004

Rheinhessische Patienteninformation: Das Gesundheitssystem Dänemarks, 12.5.2004

SPD-Bundestagsfraktion: Internationale Studie Gesundheit, 1.9.2005

Heinz Bhend, Dänemark – hast du es gut!?, Primary Care, 8/2008

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Der neue Grippeimpfstoff für die Saison 2008/2009 ist gerade in den Praxen eingetroffen, da geht auch die alljährliche wissenschaftliche Auseinandersetzung um die Wirksamkeit der Grippeimpfung wieder los.

Sterblichkeit 50 % weniger durch Impfung?

In Deutschland wird die Grippeschutzimpfung nach Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) allen Patienten über 60 Jahre ans Herz gelegt.

Auch alle, die an einer chronischen Krankheit wie Zuckerkrankheit, Herzschwäche, chronischen Bronchitis oder AIDS leiden, sollten geimpft werden.

Die Impfung der Menschen, die in der Pflege, im Krankenhaus oder in Arztpraxen arbeiten, dient in erster Linie dem Schutz der Patienten.

Neu ist die Empfehlung, dass auch Vogelzüchter und Geflügelhalter sich impfen lassen sollen: Der Impfstoff schützt zwar nicht vor der Vogelgrippe, er verhindert aber eine Doppelinfektion mit dem Vogelgrippevirus und dem menschlichen Grippevirus. Eine solche Doppelinfektion könnte einmal der Ausgangspunkt einer weltweiten Vogelgrippe-Epidemie (einer sog. Pandemie) werden.

Der Grippeimpfstoff ist gut verträglich: Schwellung, Schmerzen und eine Rötung an der Stelle der Injektion kommen vor. Kopfschmerzen, Fieber und Gliederschmerzen sind schon seltener. Alle diese Erscheinungen klingen in der Regel nach einem bis drei Tagen folgenlos wieder ab.

Gegenanzeigen für eine Grippeimpfung sind eine Allergie gegen Hühnereiweiß oder ein fieberhafter Infekt.

Die Impfung gegen Grippe soll die Sterblichkeit älterer Menschen an grippebedingter Lungenentzündung um 50 % senken, so lauten die Ergebnisse früherer Studien.

Der „Healthy-User-Effect“

Dies ist wahrscheinlich maßlos übertrieben, sagt jetzt eine Studie der Universität von Alberta in Edmonton (Kanada). Die Forscher verglichen 352 geimpfte mit 352 Patienten ohne Impfung, die in sechs Krankenhäuser der Region mit einer Lungenentzündung eingeliefert wurden. Und tatsächlich: Geimpfte Patienten wiesen eine um 50 % verminderte Sterblichkeit auf.

Das Dumme war nur: Die Mediziner hatten ihre Untersuchung auf einen Zeitraum außerhalb der Grippesaison gelegt – die Grippeimpfung sollte eigentlich gar keinen Einfluss auf die Sterblichkeit haben.

Dieser Vorteil schmolz außerdem auf 19 % zusammen, wenn man Paare von Geimpften und Nichtgeimpften verglich, die sich auch hinsichtlich Einkommen, Sozialstatus und Schulabschluss glichen. (Dieser Unterschied war nicht mehr „signifikant“, er könnte auch zufällig entstanden sein.)

Die Untersucher schlussfolgern, der Effekt der Grippeimpfung werde deutlich überschätzt. Der sog. „Healthy-User-Effekt“ habe die Ergebnisse verfälscht. Der „Healthy-User-Effekt“ entsteht dadurch, dass besonders die Menschen an Schutzimpfungen und anderen vorbeugenden Maßnahmen teilnehmen, die auch sonst gesünder leben.

Händewaschen nicht vergessen!

Die kanadischen Mediziner raten aber nicht von der Grippeimpfung ab. Bloß sollten ältere Menschen nicht auf einen 100 %-igen Schutz vertrauen, sondern auch an andere Schutzmaßnahmen während einer Grippewelle denken: Händewaschen etwa oder das Vermeiden von Menschenansammlungen.

Quellen

Zusammenfassung der Studie auf Englisch, American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine Vol 178. pp. 527-533, (2008)

EurekAlert: Flu shot does not reduce risk of death

Zusammenfassung der Studie im Deutschen Ärzteblatt, Links zu anderen Beobachtungsstudien

Merkblatt des Robert Koch-Instituts zur Virusgrippe mit Empfehlungen der STIKO zur Grippeimpfung

Bild: seedo auf pixelio.de

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