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Die Multiple Sklerose (MS) ist eine Erkrankung des Zentralen Nervensystems (also des Gehirns und des Rückenmarks) unbekannter Ursache, die meist chronisch und oft in Schüben verläuft und eine Vielzahl von Symptomen wie z.B. Lähmungen, Sehstörungen, Sprachstörungen oder Inkontinenz verursacht.

Bei der MS wird die Scheide der Nervenfasern, die aus dem sog. Myelin besteht, geschädigt und schließlich zerstört.

Diese Myelinscheide wird durch die körpereigene Abwehr, das eigene Immunsystem angegriffen, die MS wird aus diesem Grund zu den Autoimmunkrankheiten gezählt.

In Deutschland leben rund 122.000 Menschen, die an MS leiden, die Häufigkeit wird auf 149 pro 100.000 Einwohner geschätzt, Frauen erkranken fast doppelt so häufig wie Männer.

Zur Behandlung werden Medikamente eingesetzt, die das Immunsystem beeinflussen: Im akuten Schub hochdosiertes Kortison, zur Besserung des langfristigen Verlaufs Interferon, das vergleichbare Glatiramer und andere.

Der Verlauf der Erkrankung ist im Einzelfall schwer vorherzusagen, rund 30 % der Erkrankten zeigen auch nach jahrelangem Verlauf noch keine wesentlichen Behinderungen.

Symptome: „Die Krankheit mit den tausend Gesichtern“

Die Symptome der MS sind außerordentlich vielgestaltig – so kann auch hier nur ein kleiner Ausschnitt wiedergegeben werden.

Schubförmiger Verlauf anfangs am häufigsten

Bei 85 % der Patienten beginnt die Krankheit schubförmig: Lähmungen und Sehstörungen zum Beipiel treten urplötzlich auf und verschwinden wieder mehr oder weniger vollständig. Nur bei einer Minderzahl – etwa 15 % – wird es immer schlechter, ohne jede Besserung.

Bei etwa einem Drittel bis zur Hälfte aller Multiple Sklerose Kranken mit schubförmigem Verlauf wandelt sich das Bild nach 10 bis 15 Jahren: Zwischen den Schüben kommt keine Erholung mehr, die Krankheit schreitet stetig fort.

Im Einzelfall ist der Verlauf schwer vorher zu sagen, diese Unsicherheit belastet Patient und Arzt. Trotzdem besteht guter Grund, dem Patienten Mut zu machen, wenn er die Diagnose MS erfährt: Nur die Minderzahl (weniger als 5 %) landet innerhalb der nächsten 10 Jahre im Rollstuhl, die Lebenserwartung von MS-Patienten nähert sich immer mehr der durchschnittlichen an.

Doppelbilder und verschwommenes Sehen

Bei fast 40 % der MS-Kranken ist irgendwann einmal der Sehnerv betroffen. Sehstörungen wie z.B. Verschwommensehen bis hin zur völligen Erblindung sind die Folge. Meist ist nur ein Auge betroffen, Schmerzen können hinzutreten. Augenmuskellähmungen führen zu Doppelbildern.

Kribbeln und Brennen, Lähmungen und Inkontinenz

Greift die MS das Rückenmark an, dann empfindet der Patient Taubheitsgefühle in Armen und Beinen oder auch Kribbeln und Brennen. Schlaffe Lähmungen gehen mit einer völligen Kraftlosigkeit einher, bei spastischen scheint die Kraft zu viel zu sein: Das Bein oder der Arm können nicht mehr gebeugt werden, weil sich die Muskeln unwillkürlich verkrampfen.

Besonders unangenehm für den Patienten ist die fehlende Kontrolle über den Urinabgang: Soziale Isolation ist oft die Folge. Je nachdem welche Nerven und damit welche Muskeln der Blase betroffen sind, kann auch die Blasenentleerung gestört sein – es verbleibt Urin in der Blase, Harnwegsinfekte können die Folge sein.

Schmerzen im Gesicht und verwaschene Sprache

Heftige Gesichtsschmerzen können ebenso Zeichen einer MS sein wie Lähmungen der Gesichtsmuskulatur. Ursache dieser Symptome sind Schädigungen im Bereich des Hirnstamms, auch eine undeutliche, verwaschene Sprache kann Folge einer Läsion in diesem Bereich sein.

Schwindel, Taumel und abgehackte Sprache

Ein einwandfrei funktionierendes Kleinhirn ist wichtig für unseren Gleichgewichtssinn und unsere automatischen Bewegungen. Das Kleinhirn ist anfangs selten, später sehr oft im Rahmen einer MS betroffen. Die Patienten gehen unsicher, sind ungeschickt, zittern, klagen über Schwindel oder über eine eigentümlich lallende oder abgehackte Sprache. Von unwissenden Außenstehenden werden sie oft für betrunken gehalten.

Depressionen und Erschöpfung

Viele, wenn nicht sogar die Mehrzahl der Patienten mit Multipler Sklerose leiden irgendwann einmal an einer Depression. Aber auch das „Gegenteil“: Euphorie und ihre krankhafte Übersteigerung – die Manie – treten bisweilen auf.

Schon im Frühstadium der Erkrankung sind sehr viele MS-Patienten leicht erschöpft, fühlen sich müde und wenig leistungsfähig. Die Ursachen hierfür sind nicht genau bekannt, aber die große Müdigkeit ist so typisch, dass sie einen eigenen Namen bekommen hat: „MS-Fatigue“.

Diagnose: Nicht immer einfach

Fast alle Symptome der MS können auch durch andere Erkrankungen hervorgerufen werden.

Die Diagnose einer MS wird heute durch eine Kombination verschiedener Untersuchungsmethoden gestellt.

Die Vorgeschichte und die körperliche Untersuchung ergibt ein Bild der Beschwerden und Ausfälle.

Eine Untersuchung der Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit (des Liquors) weist typische Antikörper nach.

Die Kernspintomografie des Gehirns und des Rückenmarks zeigt räumlich verteilte Schädigungen des Nervengewebes.

Bei der Untersuchung der sogenannten evozierten Potentiale wird gemessen, wie lange es dauert, bis ein Reiz vom Auge oder Ohr – über die Nervenbahnen des Gehirns geleitet – in den zuständigen Hirnregionen ankommt. Bei einem Patienten mit MS werden die Signale von Auge oder Ohr langsamer weitergeleitet als beim Gesunden.

International akzeptierter Standard der Diagnostik sind die McDonald-Kriterien. Durch Kombination und Wertung aller genannten Untersuchungsmethoden folgt das Resultat: „MS sicher“, „MS möglich“ oder „MS ausgeschlossen“. „Encephalomyelitis disseminata“ ist eine anderer Name für die MS, der vor allem von Ärzten verwendet wird. Übersetzt heißt dies: „verstreute Entzündung des Gehirns und Rückenmarks“. Und auf diese Streuung (Disseminierung) kommt es bei der Diagnose an – Streuung sowohl im Raum als auch in der Zeit: Befall unterschiedlichster Regionen in Gehirn und Rückenmark zu unterschiedlichen Zeitpunkten.

Hat ein Patient zum Beispiel zwei Krankheitsschübe hinter sich und lassen sich in der Untersuchung Ausfälle in (mindestens) zwei räumlich getrennten Hirnregionen nachweisen, dann gilt die Diagnose Multiple Sklerose als gesichert. Weitere technische Untersuchungen sind eigentlich entbehrlich, sie erhöhen nicht die Diagnosesicherheit.

Etwas anders liegt der Fall, wenn der Patient zwar zwei Schübe erlitt, diese aber in der körperlichen Untersuchung nur einer Hirnregion zuzuordnen sind. In diesem Fall muss die Verteilung im Raum entweder durch eine positive Kernspintomografie mit zwei oder mehr Herden, den Liquorbefund oder durch eine weitere Attacke in einem räumlich getrennten Gebiet des zentralen Nervensystems nachgewiesen werden.

So legen die McDonald-Kriterien für jeden Einzelfall fest, wann die Diagnose der MS berechtigt ist, wann sie auszuschließen ist und in welchen Fällen eine MS möglich, aber noch nicht bewiesen ist. Die Mc Donald-Kriterien wurden 2001 erstellt und bereits 2005 von einem internationalen Expertengremium überarbeitet, sie lösen ihrerseits die Schuhmacher Kriterien aus dem Jahre 1963 und die Poser Kriterien aus dem Jahre 1983 ab. Mit weiteren Änderungen infolge neuer Forschungsergebnissen ist zu rechnen.

Ursachen weitgehend unbekannt

Die Ursachen dafür, dass jemand an einer Multiplen Sklerose erkrankt, sind weitgehend unbekannt. Es scheint, dass genetische und Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Möglicherweise ist die MS gar keine einheitliche Erkrankung, sondern ein Bündel verschiedener Erkrankungen, die noch nicht hinreichend von uns unterschieden werden können.

Multiple Sklerose als Autoimmunkrankheit

Allgemein akzeptiert ist die Autoimmunhypothese der MS: Körpereigene Abwehrzellen – die sogenannten T-Lymphozyten zerstören die Myelinscheiden der Axone -das sind die langen, faserigen Fortsätze der Nervenzellen. Über das Axon werden elektrische Impulse von einer Nervenzelle zur nächsten geleitet, die Myelinschicht um das Axon dient dabei der elektrischen Isolation. Ist diese Schicht zerstört oder beschädigt, dann wird die Weiterleitung von Nervenimpulsen verlangsamt oder ganz unterbunden.

T-Lymphozyten können normalerweise die Blutgefäße des Gehirns nicht verlassen, die Lücken in der Gefäßwand der Hirngefässe sind besonders dicht – die „Bluthirnschranke“ schützt das Hirngewebe. Bei der Multiplen Sklerose lässt die Bluthirnschranke die T-Lymphozyten passieren. Warum sie dies tut, ist noch unklar. Möglicherweise ist ein Infekt die Ursache, Viren werden als Auslöser diskutiert. Eine bestimmte Familie sogenannter Humaner Endogener Retroviren wird sehr oft bei MS-Kranken nachgewiesen, sie werden deshalb als MS assoziierte Retroviren (MSRV) bezeichnet.

Die T-Lymphozyten empfinden die Myelinschicht der Axone als fremd und aktivieren Entzündungsprozesse, die zum Abbau dieser schützenden Hülle führen, gleichzeitig erhöhen diese Entzündungsprozesse selbst die Durchlässigkeit der Bluthirnschranke, so dass weitere Lymphozyten nachfolgen können.

Vitamin D und MS

Die Multiple Sklerose tritt um so häufiger auf, je weiter man sich vom Äquator entfernt. Diese Tatsache hat zu der Vermutung geführt, dass Vitamin D – Mangel vor allem in der Kindheit und Jugend, wie er in sonnenarmen Regionen häufiger vorkommt, einen Auslöser der MS darstellen könnte.

Schützen Infekte in der Kindheit?

Menschen, die mit Geschwistern zusammen aufwachsen, entwickeln seltener MS als Einzelkinder. Geschwisterkinder stecken sich gegenseitig mit allen möglichen banalen Infektionen an, Einzelkinder sind seltener erkältet. Möglicherweise begünstigt ein Mangel an Erkältungen in der Kindheit die Entwicklung eines Immunsystems, das sich gegen den eigenen Körper richtet.

Welche Rolle spielt die Vererbung?

MS ist keine Erbkrankheit, aber genetische Faktoren spielen eine wichtige Rolle. Die Wahrscheinlichkeit für einen Durchschnittsbürger in Deutschland, im Laufe seines Lebens an MS zu erkranken, liegt bei Bruchteilen eines Prozents. Hat er aber nahe Verwandte wie Eltern, Kinder oder Geschwister, die an MS leiden, dann schnellt seine Erkrankungswahrscheinlichkeit auf ein bis drei Prozent hoch. Bei eineiigen Zwillingen erkrankt der zweite zu 30 % an MS, wenn der erste betroffen ist. Bei zweieiigen Zwillingen liegt die Wahrscheinlichkeit nur bei 4 %. Das legt den Schluss nahe, dass Erbfaktoren bei der Manifestation der MS eine Rolle spielen aber andere Faktoren wie Umwelteinflüsse oder einfach Zufall hinzutreten.

Rauchen ist ein Risikofaktor für die Erkrankung an Multipler Sklerose, aber es scheint den Krankheitsverlauf nicht zu verschlechtern.

Behandlung: Kortison, hoch dosiert, im akuten Schub

Multiple Sklerose ist nicht heilbar, aber die Lebenserwartung und die Lebensqualität der Patienten konnte durch die Behandlung in den letzten Jahren ständig verbessert werden.

Ein akuter Schub wird in der Regel mit hochdosierter Kortisontherapie behandelt – in der Regel wird Methylprednisolon als Infusion über drei bis fünf Tage verabreicht. Bisweilen kann auch für kurze Zeit abgewartet werden, weil manche Schübe auch ohne Therapie sich kurzfristig zurückbilden. Kein Pardon gibt es aber bei schwerer Symptomatik oder einem Befall des Sehnerven. Während die kurzfristige Effektivität dieser Behandlung gut belegt ist, fehlen Beweise dafür, ob auch der langfristige Verlauf der Krankheit verbessert wird.

Infekte konsequent behandeln

Infektionen der Harnwege, der Nebenhöhlen und auch der Zahnwurzeln sollten konsequent behandelt werden, weil solche Entzündungen den Verlauf der MS verschlechtern können.

Basistherapie mit Interferon

Interferon, eine das Immunsystem anregende, körpereigene Substanz verringert die Anzahl weiterer Schübe einer Multiplen Sklerose. Die Daten der vorliegenden Untersuchungen geben ein Bild über die ersten zwei Jahre nach Behandlungsbeginn, verlässliche Daten über die Langzeitwirkung der Interferone auf den Verlauf der MS liegen noch nicht vor. Drei sogenannte Interferon-beta-Präparate sind für die Therapie der MS zugelassen.

Die Nebenwirkungen der Betainteferone sind teilweise erheblich. Sie werden meist einmal wöchentlich unter die Haut (subkutan) oder in den Muskel (intramuskulär) gespritzt. Nach der Injektion treten häufig grippeähnliche Beschwerden wie Gliederschmerzen, Fieber, Unwohlsein und Schüttelfrost auf. Die Gabe von z.B. Ibuprofen verringert die Stärke dieser Nebenwirkungen. Rötung und Schmerzen an der Injektionsstelle, Erhöhung der Leberwerte und die Entwicklung von Depressionen werden ebenfalls beobachtet.

Glatiramer

Glatiramer, ein Peptid aus vier Aminosäuren, ist eine Alternative zu den Interferonen, die Verträglichkeit scheint etwas besser zu sein; es muss allerdings täglich gespritzt werden. Nach der Injektion kommt es häufiger zu einer Reaktion mit Angst, Herzklopfen und Luftnot, die manchmal nur wenige Sekunden, bisweilen bis zu einer halben Stunde andauert. Der genaue Wirkungsmechanismus ist noch nicht aufgeklärt. Glatiramer ist nur wirksam bei der schubförmig verlaufenden MS, nicht bei der stetig sich verschlechternden (chronisch progredienten) Form.

Azathioprin

Azathioprin ist ein das Immunsystem dämpfendes Medikament, das auch bei anderen Autoimmunerkrankungen und zur Bekämpfung der Abstoßungsreaktion nach Organtransplantation eingesetzt wird. In der Behandlung der MS hat es heutzutage einen Stellenwert als Reservemedikament, wenn z.B. die Therapie mit Betainterferonen nicht durchführbar ist.

Immunglobuline intravenös

Immunglobuline, also menschliche Antikörper, in die Vene injiziert, scheinen ebenfalls wirksam bei der Behandlung der schubförmigen MS zu sein, allerdings hat noch kein Präparat die Zulassung für dieses Anwendungsgebiet.

Mitoxantron – ein Zytostatikum

Auch Mitoxantron, ein Zytostatikum zur Behandlung verschiedener Krebserkrankungen u.a. der Brust, der Prostata und bei Leukämie, ist ein Reservemittel zur Behandlung der MS. Wegen der ausgeprägten, mitunter lebensbedrohlichen Nebenwirkungen, kann die Entscheidung zu dieser Therapie erst nach gründlicher Aufklärung des Patienten und Abwägen aller Alternativen erfolgen.

Das Umfeld günstig gestalten

Physiotherapie, z.B. Krankengymnastik, ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung.

Effektive Behandlung der Depressionen verbessert die Prognose der MS.

Die Behandlung von Blasenfunktionsstörungen, also z.B. Inkontinenz oder erschwerter Blasenentleerung, schafft mehr Lebensqualität und beugt Harnwegsinfekten vor.

MS-Kranke verlieren nicht selten ihren alten Freundeskreis. Die Förderung der sozialen Integration, z.B. durch Selbsthilfegruppen, Hobbies und Training der Mobilität fördert das Selbstbewusstsein und schützt vor Depressionen.

Eine krankhafte Erhöhung des Muskeltonus, die sogenannte Spastizität kann, wenn sie die Mobilität stört, durch geeignete Medikamente (z.B. Baclofen) behandelt werden.

Quellen und weiterführende Links

EbM-Guidelines für Allgemeinmedizin (kostenpflichtig): Multiple Sklerose (Encephalitis disseminata)

„Diagnostic Criteria for Multiple Sclerosis“ – Die sog. McDonald Kriterien zur Diagnose der MS (engl.)

muskl.de: Sehr informative, umfangreiche Seite über MS von einem Betroffenen

Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Multiplen Sklerose“

Neurologen und Psychiater im Netz: Informationen für Patienten über MS

„Smoking is a risk factor for multiple sclerosis“, Abstract einer norwegischen Studie aus dem Jahre 2003 auf neurology.org (Englisch)

pressetext austria: „Rauchen kann Multiple-Sklerose-Risiko verdoppeln, Risiko ist bei Männern deutlich höher“ – Zusammenfassung o.g. Studie auf Deutsch

Cigarette smoking and progression in multiple sclerosis, neurology.org, Studie aus dem Jahre 2007 über den Einfluss des Rauchens auf die Progression der MS

Bildnachweis

Kernspintomografie des Schädels bei Multipler Sklerose, gefunden auf wikimedia commons, gemeinfrei („public domain“)

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